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Prinzipiell erübrigt sich die Darstellung auch nur eines einzigen additionsphilosophischen Beweises. Geradezu erdrückend ist die Anzahl der Beweise. Alles ist ein Beweis.
Beweis Nummer 1 - Kiwis
In Hannover-Herrenhausen wurde einst durch die hannoverschen Könige im Glanz des alles überstrahlenden Lichtes des französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. ein hübscher großer Barock-Garten angelegt. In diesem Garten kann mit einer Höhe von 80 Metern noch heute die höchste Fontäne Europas bewundert werden. Am Rand dieses Gartens führt ein hallenartiges Gebäude den Namen „Orangerie“. Unschwer zu erraten, was für Früchte hier einst gezüchtet wurden. Orangen galten damals nicht nur als bloße Südfrüchte (wie heute), sondern eben als Speise, die für vornehmlich Fürsten vorbehalten war. Diese feudale Speise wuchs und gedeihte natürlich nicht in der Tiefebene der niedersächsischen Sandlandschaft, sondern sie kam eigentlich von woanders, von weit her. Sie gehörte nicht dem Alltagsgeschehen an. Genussmittel dieser Art war der herrschenden Kaste vorbehalten. Es sollte noch Jahre dauern bis sich dies änderte. Vermehrt traten seit Anfang des XX. Jahrhunderts Kolonialwarenhändler auf. Hier konnte für teueres Geld erstanden werden, was sonst Monarchen und den oberen Zehntausend vorenthalten blieb. Ich erinnere mich noch, an die horrenden Preise für eine Kiwi-Frucht Mitte der Siebziger im XX. Jahrhundert. Dann fassten sich die Neuseeländer ein Herz, schlachteten ihr Sparschwein und starteten Mitte der Achtziger eine Werbekampagne für ihre Kiwis - mit dem Resultat, dass sie bald in aller Munde waren.
Warum sind nun Kiwis ein treffliches Beispiel für Additionsphilosophie? Wir haben uns daran gewöhnt, Kiwis und andere Südfrüchte zu unserer ständigen Verfügung zu wissen. Es ist etwas in unsere Lebensbahn eingetreten, was vorher nicht da war und nicht sein konnte. Kiwis wachsen in Neuseeland und nicht in Deutschland. Trotzdem sind sie Bestandteil unseres alltägliches Lebens; wir haben sie integriert. Sie sind in unser Leben verwoben, wie die vielen anderen Dinge. Der Spargel, der das ganze Jahr über erhältlich ist, die Nüsse, die aus Kalifornien kommen, alles jederzeit und in allen Mengen verfügbar. So fügen wir Dinge in unser Leben ein, die vorher dort definitiv nicht standen. Sie wurden hinzugefügt - sie wurden addiert! Und so geschieht es zur Zeit mit allem und überall. Freilich mit lokalen Unterschieden.
Beweis Nummer 2 - Kleidung
Ich bin wahrlich kein Modeexperte, aber die Verquickung der unterschiedlichsten vergangen Modestilarten mit bestehenden ist mehr als deutlich. Kleidung, die einst für bestimmte Zwecke konzipiert wurde, wird mittlerweile gnadenlos umgestaltet und mit fremdem vermischt. Junge Burschen die mit Arbeiterschutzkleidung in die Discotheque gehen. Der Anorak, der irgendwo in der Kälte entstand, die Jeans, die in den USA erfunden wurde, der Poncho aus Südamerika, die Schuhe aus Italien. Schmuck, der einst Pharaonen zierte, kann als Kopie zur eigenen Zierde überall erworben werden - das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da wurde enthauptet, der aus seiner Rolle ausbrach und sich mit fremden Federn schmückte. Heute gilt der Stilbruch als Stilmittel, ist stilimmanent. Tätowierungen waren das Erkennungsmerkmal für bestimmte Gesellschaftskreise. Sie sind es immer noch, aber anders. Alle können sich heute Tätowieren lassen. Mittlerweile finden es manche cool, mit Henna-Verzierungen herumzulaufen. So wird vermengt, was eigentlich nicht zusammengehört, was nicht zusammengehörte. An jeder Ecke kann Inka-Schmuck erworben werden. Oder Kokopeli, oder Schmuck aus Asien. Tragen wir demnächst Zwangsjacken aus den Irrenhaus oder begeben wir uns auf einen Ausflug zu den Pariser Clochards, um in ihren Fummeln herumzulaufen? Doch das ist bestimmt schon ein alter Hut mit Internetanschluss. Die neuen Trends erinnern an eine Odyssee in die Vergangenheit wie im Kölner Stadtanzeiger vom 29. Januar 2000 nachzulesen war. Und das bedeutet freilich natürlich kein Chaos, wie dort ebenfalls nachzulesen war, sondern stellt eine grossangelegte Harmonie dar; aber das ist letztendlich das gleiche und selbe, wie wir noch sehen werden.
Beweis Nummer 3 - Rhododendren
Ich möchte mich an dieser Stelle nicht als Pseudo-Botaniker aufspielen. Aber ein Blick in fast jedes Wohnzimmer genügt, um eine Vielfalt an Pflanzen zu entdecken, die wahrlich nicht im eigenen Garten wachsen. Ergo: sie wurden von fernher importiert und in das eigene Leben integriert. Genau wie dieses Biotop sieht es heute in den Köpfen der meisten Leute aus. Es wuchert dort eine eigene eigenständige Pflanze, deren Wuchs jeder selbst bestimmt und die je nach eigenem Gutdünken in den allermöglichsten und unmöglichsten Farben schillert. So pflegt und jätet jeder seine eigene additive Pflanze.
Beweis Nummer 4 - de kölsche Chines
Mal ehrlich, kann es einen Imbiß geben, der sich „de kölsche Chines‘“ nennt? Wir denken schon, denn es gibt ihn. Mitten in Köln. Was für Beweggründe mögen die Betreiber eines chinesischen Imbisses in Köln dazu verleitet haben, ihre Fast-Food-Bude „de kölsche Chines“ zu betiteln? Wir wissen es nicht; aber die Verquickung der Gegensätze erscheint mehr als auffällig. Klaro, gab es zu allen Zeiten Leute, die auswanderten und irgendwo in der Pampa eine Pommesbude eröffneten. Das ist noch keine Additionsphilosophie. Zu dieser kommt es erst, wenn sich die Gegensätze häufen und eine übermässige Assimilation eintritt. Ein bestimmter Grad an Quantität ist notwendig. Man läßt das fremde Denken unmittelbar in sein eigenes Einfliessen. Und daraus entsteht tatsächlich auch etwas neues. Früher war uns der Knoblauch fremd, heute ist er unser eigen.
Beweis Nummer 5 - Tankstellen Additive
Hoppla! - Da taucht ja auch schon der Begriff auf. An jeder Aral-Tankstelle können heute Additive erworben werden. Diese werden beim Tanken mit der gewählten Spritsorte gemischt. Was verspricht sich Aral davon? Wird hier durch Zusätze der Wagen schneller gemacht? Oder bleibt der Motor länger am Leben? Oder suggeriert mir der Ausdruck der Additive, dass ich meinem Auto was Gutes tue? - Wahrscheinlich lautet die Antwort Alles Und Nichts. Sonst wäre es sinnlos, Additive zu erstehen. Wir notieren also: Additionsphilosophie sollte durchaus einen gewissen Sinn haben. Der kann für sich selbst beliebig festgelegt werden. Ob tatsächlich ein Sinn besteht, ob nicht alles sinnlos ist, was wir für wahrscheinlich halten, überlassen wir den Diskussionsrunden, sinnig-sinnlich.
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